Dragon Days
25/10/2025
Comics galten gar nicht so wenigen einst als Untergangsbringer des Abendlands, als Mittel zur frühen Verdummung ganzer Generationen. Analphabetismus, sozialer Abstieg und die totale Verrottung des moralischen Wesenkerns seien die unausweichliche Folge der Geistesvergiftung durch Bildheftchen, wetterten die Altvorderen. Natürlich sind genau diese Folgen bei uns auch eingetreten, weshalb wir in unserer Umnachtung und Verkommenheit Jens Harders vierbändiges Comicprojekt „Die große Erzählung“ für eine der schönsten Kulturleistungen der Gegenwart halten.
Schlimmer noch: Wir hatten Jens zu den Dragon Days eingeladen, um weitere Menschen mit der Comic-Fäulnis anzustecken. In vier Bänden erzählt Harder die Geschichte des Kosmos und der Menschheit vom Urknall über die Ursuppe und die ersten Aminosäuren bis in die Zukunft hinein.
Man bekommt hier neue Perspektiven, was natürlich ganz fatal ist: Wie man soll man mit der Erkenntnis leben, dass wir Menschen eines von vielen Experimenten der Hexenküche Natur und als Spezies keinesfalls auf endlose Laufzeit angelegt sind? Es ging also an diesem von Thomas Klingenmaier moderierten Abend im Linden-Museum auch um die Frage, was wir, wenn das Licht für Homo Sapiens mal ganz ausgeht, als Erbe dem Kosmos, der selbstvermehrenden AI und Keith Richards hinterlassen werden. Falls Ihr nicht da war – Ihr könnt euch immer noch mit Harders großartigen Comics in den sittlichen Ruin treiben. Fangt am besten gleich damit an!
Die Fotos des Abends stammen - wie die der Vorabende - von Ronny Schönebaum.
21/10/2025
Rund 4 Jahrzehnte in Fortentwicklung und in zehn Bänden (14 in deutscher Übersetzungen) vor uns ausgebreitet– Tad Williams‘ Osten-Ard-Reihe ist ein Schmuckstück der High Fantasy. Mit „Die Kinder des Seefahrers“ könnte die Saga nun so gut wie zum Ende gekommen sein. Angekündigt ist immerhin noch ein Prequel, „The Splintered Sun“.
Es könnte allerdings auch ganz anders kommen, und danach werden wir Tad fragen, wenn er heute abend bei uns ist.
Hanna Wenzel wird live zeichnen, Barbara Stoll wird aus der deutschen Übersetzung von „Die Kinder des Seefahrers“ lesen, und Tad wird Eure und unsere Fragen beantworten. Und davon gibt es eine Menge, die Themen würden uns nicht ausgehen, wenn wir bis zum Morgengrauen sitzen würden.
- Funktion und Möglichkeiten von Fantasy im Zeitalter von Trump;
- der Wandel von Tads Blick auf seine eigene Schöpfung im Lauf der Jahre;
- das bereits Erzählte als auch für den Autor nicht immer leicht überblickbares Gewirr von Details und Fäden;
- die Schärfentiefe der Imagination (hätte Tad z.B. alle Kostümentwürfe für eine immerhin vorstellbare Netflix-Serie im Kopf? )
- etc. etc. etc.
Bringt mit, was Ihr an Fragen und Anliegen habt: Wir feiern noch mal fröhlich, trotzig, hoffnungsvoll eine Art der Fantasy, die dank Romantasy immer weniger Platz in Buchhandlungen und Verlagsprogrammen bekommt.
21.10, 19 Uhr, Stadtbibliothek am Mailänder Platz, Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2,50
11/10/2024
Als wir die Dragon Days 2024 geplant haben, war uns klar: wir wollen dieses Jahr mit Euch ein wenig nachdenken und diskutieren. Vieles ist in Bewegung im Reich des Fantastischen. Wo geht das hin, wollen wir Veränderung, an was möchten wir festhalten und was möchten wir loswerden? Aber eine Entwicklung hat uns dann so kalt erwischt wie Millionen "Sandman"-Fans weltweit: die Vorwürfe schwerer sexueller Übergriffigkeit und toxischen Verhaltens gegen Neil Gaiman.
Wenn es in der Fantasy jemanden gab, auf den wir uns alle hätten einigen können als "Großtalent nicht ganz von dieser Welt, aber trotzdem ein solider guter Typ", dann wohl ihn. Die Vorwürfe, denen Gaiman bisher nicht wirklich glaubhaft widersprochen hat, beschädigen nicht einfach ein wenig Starnimbus. Sie treffen Leserinnen und Leser ins Herz. Wer sich auf Kunst einlässt, nicht nur auf Fantastisches, macht sich auch verwundbar.
Darüber wollen wir sprechen, mit drei Schreibenden, die unsere Anfrage, ob das denn ein Thema sein könnte, der Vertrauensbruch zwischen Künstler und Publikum, sofort mit "Ja" geantwortet haben: Johanna Schließer, Katrin Knopp und Björn Springorum. Auch Schreibende sind z. B. Lesende und Filmschauende. Auch sie stehen vor der Frage: Kann mir das jetzt noch gefallen, darf es mir noch gefallen, nachdem ich jenes über den Urheber oder die Urheberin weiß? Am Donnerstag, 24.10., um 20.30 Uhr kommen wir im Stuttgarter Schriftstellerhaus (Kanalstraße 4, ein Katzensprung vom Charlottenplatz) zusammen, um über den ganzen Schlamassel zu sprechen, nicht mit schlichten Patentformeln wie "Werk und Künstler" trennen, sondern mit ehrlichen Erfahrungsberichten, wie weit das gelingen kann. Titel des Abends: "WTF? Darf und will ich das noch mögen?"
Ja, wir sagen das zwar bei allen Veranstaltungen dieses Jahr, aber so sind die Dragon Days 2024 auch gemeint: kommt, bringt Euch ein, teilt Eure Erfahrungen mit uns. Unsere Eintrittsgelder sind sowieso eher läppisch. Aber an diesem Abend ist der Eintritt frei: damit wirklich alle, die es interessiert, dabei sein können.
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