Edition Überland
21/12/2025
Ein Zufallsfund aus dem Jahr 1936 führt die beiden Herausgeber Maik Baumgärtner und Andreas Wassermann zu einem fast vergessenen Namen: Robert Grötzsch. Antifaschist, Chefredakteur der Dresdner Volkszeitung, Chronist des Aufstiegs und Untergangs der Weimarer Republik. Sein Roman „Wir suchen ein Land“ verschwand fast vollständig aus der Geschichte. 1933 zerstörten die N***s seine Redaktion, verbrannten Bücher, verfolgten Kollegen. Grötzsch floh ins Exil. Heute erinnern nur zwei verwitterte Stolpersteine in Dresden an einen Mann, der früh erkannte, was auf dem Spiel stand.
Robert Grötzsch schuf mit diesem Roman eine Momentaufnahme der deutschen Emigration in den dreißiger Jahren. Es ist der unmittelbare Einblick in das erste Fluchtland, die Tschechoslowakei. Das Buch erschien nur einmal, 1936, und geriet danach in Vergessenheit. Heute ist es aktueller denn je: ein antifaschistisches Bekenntnis aus der republikanischen Mitte der Gesellschaft – über Zusammenhalt, Solidarität und den unbeirrbaren Glauben an die Menschlichkeit.
Grötzsch begnügt sich dabei nicht mit historischer Beobachtung. Er verdichtet die Erfahrung von Flucht, Entwurzelung und politischem Exil zu einer Geschichte, getragen von Figuren, die stellvertretend für viele stehen.
Sie haben ihr Land verloren, an die N***s, den Terror und den Ungeist der Zeit – Karl, Gusti, Moses, Justus, Peter und Paul. Eine unfreiwillige Gemeinschaft, gefangen im Treibsand der Geschichte. Ihr Weg führt sie nach Böhmen. Dort leben sie als politische Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland in einer Emigranten-Kommune. In den Nächten kehrt das verlorene Deutschland als Albtraum zurück. Sie kämpfen jeden Tag – nicht nur ums Überleben, sondern um ein Morgen in Freiheit, Würde und Menschlichkeit.
19/12/2025
Freitagabend auf der Autobahn, dreißig Grad im Schatten, der Passat raucht, die Nerven auch. Während ganz Brandenburg nur nach Eis, Couch und Ruhe schreit, richtet an einer stillgelegten Kiesgrube ein Möchtegern-Gangster mit zitternden Händen eine Waffe auf einen Mann – und verliert dann den wichtigsten Kampf des Abends: gegen eine Mücke auf der Nasenspitze. Eine Welt, in der große Gangsterträume an Insekten, Schlagfertigkeit und der eigenen Inkompetenz scheitern.
Die beiden Pleitiers, der Beinahe-Kubaner Henri und der Über-fünf-Ecken-Pole Lenin, haben endlich wieder Arbeit. Für einen von Berlin aus operierenden Clan sollen sie Schutzgeld eintreiben. Klingt simpel – ist es aber nicht. Denn gleich beim ersten Auftrag geht alles schief: Der Besitzer eines Asia-Food-Imbisses stürzt über eine Klippe, ohne dass auch nur ein einziger Cent den Besitzer wechselt. Die Clanbossin Tschaika alias „die Möwe“ reagiert erwartungsgemäß wenig begeistert und setzt das Duo massiv unter Druck.
Der nächste Job führt Henri und Lenin nach Prag – und wird zum absoluten Himmelfahrtskommando: Geiselnahme, Drogen, ein Biker-Club, Polizei und eine halsbrecherische Flucht durchs tschechisch-polnische Grenzland. Unter Drogeneinfluss verschwimmen Realität und Fiktion zunehmend, bis selbst die beiden nicht mehr wissen, was Einbildung ist – und was tödlicher Ernst.
Der Autor erzählt mit schwarzem Humor, filmischer Wucht und einem feinen Gespür für absurde Situationen von kleinen Ganoven, großen Fehlern und einer Unterwelt, die ebenso lächerlich wie bedrohlich ist. Seine Figuren sind Verlierer mit Herz, große Klappe – und erstaunlich wenig Talent für das Verbrechen.
15/12/2025
Was erfährt man über Menschen, wenn man ihnen die Haare schneidet?
In „Abenteuer einer linkshändigen Friseurin“ begibt sich die Soziologin Barbara Thériault dorthin, wo kaum jemand Feldforschung vermutet: in Friseursalons in Halle an der Saale. Mit Schere, Kamm und einem für Details geschulten Blick beobachtet sie Routinen, Gesten und hört auf das, was gesagt wird, ohne ausgesprochen zu werden.
Im Salon wird viel über Urlaub gesprochen und über Wochenenden. Der Salon ist ein „Vorzimmer des Urlaubs“. Es gibt auch Themen, die gegenwärtig, aber unausgesprochen bleiben: das Älterwerden. Sichtbar in grauen Ansätzen, anRollatoren vor der Tür oder Haltegriffen auf der Toilette. Barbara Thériault zeigt, wie Friseursalons kleine Enklaven im Alltag sind. Die Zeit, wird hier nicht in Jahren, sondern in Friseurterminen und nachgewachsenen Zentimetern gemessen.
Während sie Hallenser Köpfe frisiert, verändert sich aber auch ihr eigener Blick, so beschreibt sie es selbst: Denn die Soziologin in ihr beginnt die Welt mit den Augen einer Friseurin zu sehen. Selbstverständliche analytische Reflexe geraten ins Wanken. Das Buch erzählt also auch von dieser leisen, allmählichen Metamorphose – und von einer Stadt, ihren Menschen und ihren unausgesprochenen Fragen.
Für dieses außergewöhnliche ethnografische Schreiben erhielt Barbara Thériault im Juni 2024 den Forschungspreis Ethnographie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
„Eine ganz wahnsinnig interessante Autorin … Selbstironisch, toll geschrieben. Eine wirkliche Entdeckung.“ (Lesart, Deutschlandfunk Kultur)
theriault
ueberland
06/12/2025
Wer will mit uns zur Buchmesse?
Zum Nikolaus verlosen wir zweimal ein Tagesticket zur Leipziger Buchmesse im März 2026!
Schreibt bis zum Mittwoch, den 10. Dezember 2025, 23.59 Uhr laut „Hier!“ in die Kommentare unter diesen Post, hinterlasst ein Like und folgt beiden Verlagen – mit ein bisschen Glück seid ihr dann im März dabei.
Die beiden Gewinner:innen unter euch werden am Donnerstag per Zettel-Ziehung ausgelost und erhalten jeweils ein Ticket. Wir informieren euch dann persönlich. Schaut also in eure Direktnachrichten.
Die Bedingungen:
Ihr seid über 18 Jahre und möchtet den Gewinn nicht bar ausgezahlt haben. Der Rechtsweg ist ebenfalls ausgeschlossen.
Und ein kleiner Hinweis: Dieses Gewinnspiel steht in keiner Verbindung zu Instagram und wird von Instagram weder unterstützt noch organisiert.
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