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10/07/2026

Warum ich als Orthopäde meine eigenen Kinder nicht auf ein Trampolin lasse.

Trampoline gelten als harmloser Spaß. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.
In orthopädischen Notaufnahmen gehören Trampolinunfälle zu den häufigsten Ursachen für Frakturen im Kindesalter.

Besonders betroffen sind Unterarm, Ellenbogen und Sprunggelenk.
Der Grund liegt nicht in mangelnder Vorsicht, sondern in der Physik. Springen mehrere Personen gleichzeitig, addieren sich die Kräfte unkontrolliert. Ein leichteres Kind kann durch die Sprungbewegung eines schwereren Kindes das Mehrfache seines eigenen Körpergewichts an Aufprallkraft erfahren, der sogenannte „Double-Bounce-Effekt".
Genau in diesem Moment entstehen die meisten schweren Verletzungen, unabhängig von Sicherheitsnetz oder Polsterung.

Ein weit verbreiteter Irrtum: Sicherheitsnetze verhindern Verletzungen. Tatsächlich reduzieren sie nur das Risiko, vom Trampolin zu fallen. Verletzungen durch Zusammenstöße, Fehllandungen oder Überstreckung von Gelenken innerhalb der Sprungfläche werden dadurch nicht verhindert.

Auch die Aussage „Unfälle passieren einfach" greift zu kurz. Das Risiko ist nicht zufällig verteilt, sondern strukturell bedingt. Mehrere Springer, unklare Sprungrichtung, unkontrollierte Landung. Wer diesen Mechanismus kennt, versteht, warum das Risiko real und vorhersehbar ist, auch wenn der einzelne Unfall nicht vorhersehbar bleibt.

Fachgesellschaften wie die American Academy of Pediatrics raten seit Jahren von der unbeaufsichtigten Nutzung von Trampolinen ab, insbesondere vom gleichzeitigen Springen mehrerer Kinder. Diese Empfehlung basiert nicht auf Vorsicht um der Vorsicht willen, sondern auf jahrzehntelanger Unfalldatenerhebung.

Als Chirurg sehe ich die Folgen dieser Unfälle regelmäßig auf dem OP-Tisch. Diese Perspektive prägt meine Haltung als Vater ebenso wie als Arzt.

06/07/2026

Ab 40 beginnt ein Prozess, der oft unterschätzt wird: Sarkopenie, der altersbedingte Verlust von Muskelmasse und -kraft.

Ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir jährlich etwa 1 % Muskelmasse, nach dem 60. Lebensjahr beschleunigt sich dieser Prozess deutlich.
Die Folge ist kein kosmetisches Problem, sondern ein funktionelles. Kraftverlust bedeutet ein höheres Sturzrisiko, verminderte Alltagskompetenz und eine schlechtere Prognose bei Verletzungen und Operationen.

Die gute Nachricht, gezieltes Krafttraining wirkt diesem Prozess nachweislich entgegen und zwar unabhängig vom Alter, in dem damit begonnen wird.
Fünf Grundübungen decken dabei die Bewegungsmuster ab, die für ein selbstständiges Leben im Alter entscheidend sind:

Kniebeugen – trainieren das Aufstehen aus dem Sitzen und stabilisieren die Kniegelenke.
Kreuzheben – kräftigt die gesamte hintere Muskelkette und schützt die Wirbelsäule beim Heben im Alltag.
Rudern – wirkt der typischen Rundrückenhaltung entgegen und stärkt die Schulterblattstabilisatoren.
Schulterdrücken – erhält die Überkopfbeweglichkeit und -kraft, relevant für einfache Alltagsgriffe.
Ausfallschritte – schulen einseitige Belastung und Gleichgewicht, zentrale Faktoren der Sturzprävention.

Diese fünf Übungen decken die grundlegenden Bewegungsmuster des menschlichen Körpers ab: Beugen, Ziehen, Drücken und einseitiges Gehen. Wer sie regelmäßig und mit korrekter Technik ausführt, investiert direkt in Mobilität und Unabhängigkeit im höheren Lebensalter.

05/07/2026

Das vermeintliche Wundermittel des Orthopäden gegen chronische Schmerzen: Stoßwellentherapie.
Spaß beiseite, das Problem ist nicht die Stoßwelle, sondern wie sie eingesetzt wird, großflächig, pauschal und ungerichtet, wie mit einer Gießkanne.

Für einige Indikationen ist die Evidenzlage solide: Plantarfasziitis, Kalkschulter, Tennisellenbogen, Patellaspitzensyndrom.
Voraussetzung ist eine gezielte Applikation am pathologischen Gewebe, mit korrekter Dosierung und ausreichender Frequenz.

In der Praxis fehlt oft genau das. Stoßwelle wird bei diffusen Schmerzzuständen eingesetzt, ohne vorherige Lokalisation der Ursache. Sie wird über große Areale appliziert statt gezielt über der betroffenen Struktur.
Und sie wird häufig ohne Anbindung an aktives Training verordnet, dabei macht genau diese Kombination in den meisten Studien den Unterschied!

Das Ergebnis, eine auf dem Papier evidenzbasierte Behandlung verliert in der Anwendung ihre Wirksamkeit. Nicht, weil die Methode nichts taugt, sondern weil die Indikation fehlt.
Chronischer Schmerz braucht eine Diagnose, keine Pauschallösung.

29/06/2026

Patient kommt mit Gesäßschmerzen. Diagnose-> Piriformis-Syndrom.

Klingt nach Muskel, nicht gefährlich, gut behandelbar. Physiotherapie, Dehnübungen, Stoßwellentherapie. Patient zufrieden, Arzt zufrieden.
Das Problem, in den meisten Fällen ist diese Diagnose schlicht zu früh gestellt.

Das Piriformis-Syndrom wird in der Praxis deutlich häufiger diagnostiziert, als es
tatsächlich vorkommt. Es ist häufig eine Verlegenheitsdiagnose für unspezifische Gesäßschmerzen, deren eigentliche Ursache nicht ausreichend abgeklärt wurde.

Was tatsächlich hinter Gesäßschmerzen steckt, wird in der Praxis zu selten differenziert.

Lumbale Radikulopathie: Eine Nervenwurzelreizung durch einen Bandscheibenvorfall L4-S1 strahlt klassisch ins Gesäß und oft bis ins Bein aus. Ohne Bildgebung der LWS bleibt sie unentdeckt.
Hüftgelenkspathologien: Ein femoroacetabuläres Impingement oder eine beginnende Coxarthrose verursachen häufig Schmerzen, die fälschlich als Gesäßschmerz interpretiert werden.
Iliosakralgelenk: Eine ISG-Dysfunktion ist eine der häufigsten, aber am wenigsten beachteten Ursachen.
Hamstring-Ansatztendinopathie: Insbesondere bei Läufern eine reale, oft übersehene Differentialdiagnose.

Das Piriformis-Syndrom selbst ist zudem eine reine Ausschlussdiagnose. Eine elektrophysiologische oder bildmorphologische Bestätigung existiert in der Regel nicht. Wer diese Diagnose stellt, ohne vorher Wirbelsäule, Hüfte und ISG strukturiert untersucht zu haben, behandelt ein Symptom und keine Ursache.

Die Konsequenz: Patienten erhalten monatelang Physiotherapie und Stoßwellentherapie gegen ein Problem, das so gar nicht vorliegt, während die eigentliche Pathologie unbehandelt fortschreitet.
Eine korrekte Diagnostik bei Gesäßschmerzen erfordert eine strukturierte klinische Untersuchung der LWS, der Hüfte und des ISG, bevor die Diagnose Piriformis-Syndrom überhaupt in Betracht gezogen wird.

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